Ich war eingeladen, einen Nachmittag lang mit Auszubildenden zur zahnmedizinischen Fachangestellten zu arbeiten. Zwölf junge Frauen, alle im ersten oder zweiten Lehrjahr, eine Berufsschulklasse in Hamburg. Die Lehrerin hatte mich angefragt, weil sie wissen wollte, ob KI-Tools ihren Schülerinnen beim Lernen wirklich helfen können — oder ob das alles eher Spielerei ist.
Ich bin mit einer klaren Haltung in diesen Nachmittag gegangen: Ich zeige nicht, wie man mit KI Aufgaben umgeht. Ich zeige, wie man mit KI besser lernt. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied — und genau dort liegt das Potenzial für eine Ausbildung wie die zur ZFA.
Die ZFA-Ausbildung ist anspruchsvoll. Fachwissen über dentale Anatomie, Abrechnungssysteme (GOZ und BEMA), Hygienevorschriften, Patientenkommunikation — das ist kein simples Auswendiglernen, sondern echtes Verstehen. Genau dafür eignet sich KI als Gesprächspartnerin erstaunlich gut.
Wir haben uns zu Beginn eine Frage gestellt: Wofür braucht ihr beim Lernen meistens am längsten? Die Antworten kamen schnell. Fachbegriffe, die sich keiner merken kann. Abrechnungspositionen, die abstrakt bleiben. Und Patientensituationen, auf die man sich irgendwie vorbereiten soll, ohne vorher wirklich geübt zu haben.
Wir haben eine einfache Übung gemacht: Eine Auszubildende gibt einem KI-Tool einen Fachbegriff — zum Beispiel „Parodontitis" — und bittet darum, ihn so zu erklären, als würde man ihn einer Freundin erklären. Dann stellt sie Rückfragen, bis sie es wirklich verstanden hat.
Was passiert ist, hat mich selbst überrascht. Die Schülerinnen haben angefangen, die KI herauszufordern. „Aber warum blutet das Zahnfleisch dann genau da?" „Und was hat das mit Rauchen zu tun?" Das Gespräch war plötzlich lebendig — nicht weil die KI so toll ist, sondern weil das Format des Dialogs das Denken aktiviert. Kein Lehrbuch antwortet auf Rückfragen.
Auszubildende, 1. Lehrjahr: „Ich hab das Wort bestimmt zwanzigmal gelesen und nie wirklich kapiert. Jetzt kann ich's erklären."
Abrechnungssysteme gehören zu den unbeliebtesten Lernthemen in der ZFA-Ausbildung — und das vollkommen zu Recht. Die Positionen wirken auf den ersten Blick willkürlich, die Abkürzungen sagen nichts, und der Zusammenhang mit der Praxis ist schwer herzustellen.
Wir haben ausprobiert, KI als Übersetzerin einzusetzen. Eine Auszubildende hat eine GOZ-Position eingegeben und gefragt: „Was macht der Zahnarzt genau bei dieser Leistung, und warum kostet das so viel?" Die Antworten waren nicht immer fehlerfrei — das war ein wichtiger Lernmoment: KI kann irren, und gerade im Abrechnungsbereich muss man das wissen. Aber als Einstieg, um Zusammenhänge zu verstehen, bevor man ins Detail geht, funktioniert es.
Das war der Moment des Nachmittags. Eine Auszubildende hat mit der KI ein Rollenspiel gemacht: Sie spielt die ZFA, die KI spielt einen verängstigten Patienten vor einer Extraktion. Was dabei entstand, war kein perfektes Gespräch — aber es war Übung. Echter als ein Lehrbuchtext, weniger einschüchternd als eine Übung vor der Klasse.
Die Lehrerin neben mir sagte leise: „Das hätte ich gerne gehabt, als ich selbst gelernt hab."
Ich verlasse solche Nachmittage immer mit gemischten Gefühlen — im guten Sinne. Einerseits sehe ich, wie viel Potenzial da ist. Andererseits merke ich, wie viel es braucht, damit das Potenzial sich wirklich entfaltet: eine Lehrperson, die das ermöglicht. Eine Haltung, die Fragen wertschätzt. Ein Rahmen, in dem Ausprobieren erlaubt ist.
KI macht aus einer schlechten Lernsituation keine gute. Aber sie gibt engagierten Auszubildenden ein Werkzeug in die Hand, das rund um die Uhr verfügbar ist, nie seufzt und immer Geduld hat.
Die Frage, die mich noch beschäftigt: Wie viele Berufsschullehrerinnen würden so einen Nachmittag gerne ausprobieren — und haben schlicht noch nie die Gelegenheit gehabt?
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